In heißen, sonnenreichen Sommern wie diesem sehen wir bei Baumkontrollen in Berlin, Potsdam und dem Havelland immer wieder dasselbe Bild: aufgeplatzte, eingesunkene Rindenpartien an der Süd- oder Südwestseite von Stämmen – meist bei Bäumen, die kürzlich gepflanzt oder plötzlich freigestellt wurden. Das ist kein Pilzbefall im klassischen Sinn, sondern Rindenbrand, umgangssprachlich Sonnenbrand am Baum. Die Berliner Senatsverwaltung weist regelmäßig darauf hin, wie stark Hitze und Trockenheit den Stadtbäumen inzwischen zusetzen.

Was passiert bei Sonnenbrand am Baum genau?

Rindenbrand bezeichnet das lokale Absterben von Rindengewebe durch übermäßige Erhitzung. Unter direkter Sonneneinstrahlung kann die Rindenoberfläche deutlich wärmer werden als die Umgebungsluft. Fachpublikationen verweisen auf Messungen, wonach schon bei moderaten Lufttemperaturen um 26 °C unter dünner Rinde – etwa bei der Buche – Werte um 50 °C erreicht werden können. Das darunterliegende Kambium, die empfindliche Wachstumsschicht des Baums, gilt oberhalb von etwa 45 °C als irreversibel geschädigt.

Die Rinde platzt in der Folge auf oder sinkt ein, das Gewebe verfärbt sich und stirbt ab. Für den Baum ist das mehr als eine Schönheitsfrage – die offene Wunde wird zur Eintrittspforte für holzzerstörende Pilze.

Welche Bäume sind besonders gefährdet?

Nicht jeder Baum ist gleich anfällig. Nach übereinstimmenden Fachquellen zählen vor allem dünnrindige Arten zu den Risikokandidaten:

  • Rotbuche – gilt als besonders empfindlich
  • Ahorn, Linde, Esche und Erle
  • Junge Obstbäume, insbesondere Kernobst
  • Frisch gepflanzte Jungbäume generell, deren Rinde sich noch nicht an direkte Sonne gewöhnt hat

Entscheidend ist außerdem die Ausrichtung: Die Süd- und Südwestseite eines Stammes ist durch die Nachmittagssonne am stärksten betroffen.

Der klassische Auslöser: plötzliche Freistellung

Besonders riskant wird es, wenn sich die Lichtverhältnisse an einem Stamm abrupt ändern – etwa nach dem Pflanzen an einen sonnigen Standort, nach einer radikalen Kronenauslichtung oder wenn ein schattenspendender Nachbarbaum gefällt wird. Die Rinde hatte in diesen Fällen keine Zeit, sich schrittweise an die Sonneneinstrahlung zu gewöhnen, und reagiert entsprechend empfindlich auf die plötzliche Belastung.

Aus diesem Grund raten wir bei Fällarbeiten in unmittelbarer Nähe von dünnrindigen Nachbarbäumen dazu, den Zeitpunkt bewusst zu wählen: Wer eine Fällung oder starke Kronenauslichtung in eine kühlere, bewölktere Phase legt statt mitten in eine Hitzewelle, gibt den freigestellten Bäumen etwas Zeit, sich an die neue Situation zu gewöhnen, bevor die stärkste Sommersonne kommt. Eine Garantie gegen Rindenbrand ist das nicht, verringert das Risiko in der Praxis aber spürbar.

Symptome erkennen

Typische Anzeichen für Rindenbrand:

  • Verfärbte, eingesunkene oder aufgerissene Rindenpartien, meist auf der Süd-/Südwestseite
  • Abplatzende Rindenstücke, darunter trockenes, oft bräunlich verfärbtes Holz
  • Im Folgejahr mitunter Pilzfruchtkörper im geschädigten Bereich

Warum das mehr als Kosmetik ist

Eine Rindennekrose heilt in der Regel nicht folgenlos ab. Sie kann Pilzen den Weg ins Holz öffnen, was langfristig zu Fäulnis im Stamm führen kann. Das betrifft potenziell auch die Standfestigkeit des Baums – ein Thema, das direkt mit der Verkehrssicherungspflicht von Eigentümern zusammenhängt. Ob ein konkreter Rindenschaden tatsächlich die Stabilität gefährdet, lässt sich pauschal nicht sagen; das hängt von Größe, Lage und Baumart ab. Im Zweifel sollte eine fachkundige Person den Schaden im Rahmen einer Baumkontrolle einschätzen.

Süd-/Westseite im Blick behalten

Wenn Sie kürzlich einen Baum gepflanzt, stark zurückgeschnitten oder einen schattenspendenden Nachbarbaum entfernt haben: Kontrollieren Sie in den Folgemonaten regelmäßig die sonnenzugewandte Stammseite auf Verfärbungen oder Risse.

Vorbeugen: Was Sie tun können

  • Stammschutzanstrich (Kalkanstrich): Ein heller, reflektierender Anstrich auf frisch gepflanzten oder frisch freigestellten Stämmen wirft Sonnenlicht zurück und reduziert die Erhitzung der Rinde – je nach Produkt für mehrere Jahre wirksam.
  • Schilfmatten oder Jute-Ummantelung: Schatten die exponierte Stammseite in den ersten ein bis zwei Standjahren mechanisch ab.
  • Kronenpflege schrittweise statt radikal: Wird ein schattenspendender Baum gefällt oder eine Krone stark ausgelichtet, gewöhnen sich Nachbarbäume besser an neue Lichtverhältnisse, wenn dies in Etappen geschieht.
  • Ausreichend wässern: Trockenstress erhöht die Anfälligkeit für Rindenschäden zusätzlich – mehr dazu in unserem Artikel zum Wässern von Bäumen in der Sommerhitze.
  • Standort mitdenken: Bei Neupflanzungen an sonnenexponierten Standorten Stammschutz von Anfang an einplanen, statt erst bei sichtbaren Schäden zu reagieren.

Was tun, wenn der Schaden schon da ist?

Von eigenmächtigem „Verarzten" der Wunde mit Dichtmasse oder Wundverschlussmitteln raten Fachleute heute überwiegend ab – Bäume verschließen Wunden über eigene Abwehrmechanismen (Kompartimentierung) besser, wenn die Fläche nicht zusätzlich abgedeckt wird. Sinnvoller ist es, den betroffenen Baum zu beobachten und bei größeren oder tieferen Nekrosen eine fachliche Einschätzung einzuholen – etwa im Rahmen einer Baumkontrolle nach FLL-Richtlinie. Das gilt besonders bei Bäumen mit Publikumsverkehr in der Nähe, wo die Verkehrssicherungspflicht greift.

Ein Rindenschaden allein bedeutet nicht automatisch, dass ein Baum gefällt werden muss – in vielen Fällen kompensieren Bäume solche Schäden über Jahre. Eine pauschale Einschätzung ohne Vor-Ort-Kontrolle ist aber unseriös; wenden Sie sich im Zweifel an einen Fachbetrieb oder, bei rechtlichen Fragen zu Fällungen, an die zuständige Baumschutzbehörde.

Fazit

Sonnenbrand am Baum ist kein Randphänomen, sondern in heißen Sommern ein reales Risiko – besonders für dünnrindige Arten und für Bäume, die gerade erst gepflanzt oder freigestellt wurden. Die gute Nachricht: Mit vergleichsweise einfachen Maßnahmen wie Stammschutzanstrich, Beschattung und einem bewussten Zeitpunkt für Kronenarbeiten lässt sich das Risiko deutlich senken. Wer unsicher ist, ob ein bereits sichtbarer Rindenschaden Handlungsbedarf hat, sollte ihn im Rahmen einer fachgerechten Baumkontrolle beurteilen lassen, statt zu raten.

Thorsten Dremel
Thorsten Dremel Geschäftsführer GBSD GmbH · Galabau-Meisterbetrieb in Werder (Havel) mit Einsatz in Berlin, Potsdam und Havelland. Sie haben Fragen zu diesem Thema? Schreiben Sie uns.